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10.07.2009Berliner Zeitung, "55° Nord" |
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Jopp Becker hat schon viele kommen und gehen sehen. "Auf Sylt gibt es jedes Jahr einen neuen Trend", sagt der 71-Jährige und pfeift seinen Hund zurück, der in den Dünen ein Kaninchen erspäht hat. In Gummistiefeln steht der Mann vor der alten Keitumer Kirche und schaut auf die Koppel von Bauer Boysen. Seit Kurzem stecken dort im frisch geeggten sandigen Boden 1 600 mit grünem Wachs überzogene Stöckchen -1600 Weinstöcke.
Während der salzige Wind in Stärke sechs von Westen her über das platte Land weht, ist es schwer vorstellbar, dass im Herbst 2012 aus den Sylter Trauben der erste Wein gekeltert werden soll. Jopp Becker, der seit 55 Jahren auf Sylt lebt, tippt sich an die Schirmmütze. "Das ist bekloppt", sagt er.
"Das ist innovativ", meint Martin Schachner. Der 39-jährige Weinhändler wird zusammen mit dem Rheingauer Winzer Christian Ress (35) den nördlichsten Wein Deutschlands vermarkten. "Der Klimawandel macht's möglich", sagt er und lächelt glücklich. Früher galt als Faustregel, dass nördlich des 50. Breitengrades - also ungefähr auf der Höhe von Koblenz - die Grenze verläuft, oberhalb der Wein nicht mehr gedeiht.
Da Saale und Ahr anerkannt gute Tropfen hervorbringen, wurde nachgebessert und der 52. Breitengrad (bei Münster) als Grenze festgelegt. Auch die soll jetzt fallen.
Doch jeder, der offiziell Wein anbauen will, braucht bis heute ein Anbaurecht. Diese Kontingente sind nach dem deutschen Weingesetz von 1971 eng beschränkt. Damit im Norden überhaupt neue Reben angepflanzt werden durften, trafen die Länder Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz ein offizielles Abkommen, nach dem die Pfälzer den Nordlichtern zehn Hektar ihrer Anbaurechte abtraten. Ein Projekt, das das Landwirtschaftsministerium unterstützt, um neue Chancen und Möglichkeiten auszuloten, die sich durch die Klimaerwärmung ergeben.
Sylt liegt auf dem 55. Breitengrad. "Wir haben hier oben überdurchschnittlich viele Sonnenstunden, nur ist das Klima insgesamt kühler. Mit 8,3 Grad Celsius liegt die Durchschnittstemperatur auf Sylt um 1,5 Grad niedriger als etwa im Rheingau", erklärt Schachner. Das bedeutet einen Vegetationsrückstand von rund zwei Wochen. Riesling oder Chardonnay hätten in diesen Breiten keine Chance. Winzer Ress setzt auf Sylt daher auf die besonders schnell reifende und robuste weiße Rebart Solaris. Die Mitarbeiter, die beim Pflanzen und Pflegen helfen, lässt er aus dem Rheingau anreisen. Dorthin, zum Familienweingut Balthasar Ress, werden die Trauben nach der Ernte gebracht und gekeltert.
Ob der Tropfen hier oben gedeiht und ob er dann auch noch schmeckt, bleibt abzuwarten. Das önologische Gutachten, das vor dem Projekt-Start erstellt wurde, ist verhalten optimistisch: Von Problemen und Risiken, aber auch von Möglichkeiten ist in der 50-seitigen Studie die Rede.
Während die Winzer im Süden Deutschlands zunehmend damit zu kämpfen haben, dass ihre Trauben wegen der hohen UV-Strahlung Sonnenbrand bekommen und die Früchte austrocknen, schauen die Sylter Wein-Pioniere optimistisch nach Süd-England. Seit den 1980er-Jahren wird dort erfolgreich Qualitätswein angebaut.
Solaris gilt als eine eher charakterarme Neuzüchtung. Ein Jahrhunderttropfen ist da auch unter besten Wetterbedingungen nicht zu erwarten. Sorgen macht sich Schachner deswegen nicht. Der Österreicher ist ein gewitzter Verkäufer, er kennt seine Kunden: "Die Leute sind versessen auf alles, wo Sylt drauf steht", sagt er. Direkt auf dem Tresen neben der Kasse in seiner Vinothek in Westerland stehen Weinflaschen mit schmucken Etiketten, die eine Dünenlandschaft zeigen. Österreichischer Veltliner wird da mal eben zum "Sylter Jausenwein" und der Grauburgunder aus Baden zum "Sylter Landwein".
Noch bevor Solaris in drei bis vier Jahren tatsächlich abgefüllt wird, haben die Besitzer des Weinbergs schon erstes Geld verdient: Für 267 bis 499 Euro kann man Pate eines Rebstocks werden. An jedem dritten Weinstock hängt jetzt ein kleines Plastikschild, in das der Name des Paten graviert ist. "Ein schönes Geschenk für Leute, die Wein mögen, aber sonst schon
alles haben", findet Schachner.
Das Marketingkonzept für den Solaris ist schon fertig. "55 Grad Nord" soll der Landwein heißen, 29,90 Euro die Flasche kosten. Es gibt das schwarz-goldene Label, Werbefotos auch. Nur welche Qualität die Trauben erreichen, ist offen. "Wie viel Öchsle der Wein hat, wissen wir erst bei der Ernte", sagt Schachner.
"Einen Wein in Spätlese-Qualität streben wir an. Aber wer weiß, wenn das mit der Erderwärmung so rasant weiter geht, vielleicht produzieren wir ja schon in ein paar Jahren eine Trockenbeerenauslese."
Jopp Becker hat nicht viel für Wein übrig. Er bleibt beim Bier. Jever Pils, friesisch herb. "Sollen sich die anderen die Erderwärmung schön trinken", sagt er.