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15.07.2009Badische Zeitung, "55° Grad Nord" |
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Jopp Becker hat schon viele kommen und gehen sehen. "Auf Sylt gibt es jedes Jahr einen neuen Trend", sagt der 71-Jährige und pfeift seinen Hund zurück, der in den Dünen ein Kaninchen erspäht hat. In Gummistiefeln steht der Mann vor der alten Keitumer Kirche und schaut auf die Koppel von Bauer Boysen. Seit kurzem stecken dort im frisch geeggten sandigen Boden 1600 mit grünem Wachs überzogene Stöckchen -1600 Weinstöcke.
Während der salzige Wind in Stärke sechs von Westen her über das platte Land weht, ist es schwer vorstellbar, dass im Herbst 2012 der erste Wein in Sylt gekeltert werden soll. Jopp Becker, der seit 55 Jahren auf Sylt lebt, tippt sich an die Schirmmütze. "Das ist bekloppt", sagt er.
"Das ist Innovation", meint Martin Schachner, 39. Der Weinhändler wird zusammen mit dem Rheingauer Winzer Christian Ress, 35, den nördlichsten Wein Deutschlands vermarkten. "Der Klimawandel macht's möglich", sagt er und lächelt glücklich. Früher galt als Faustregel, dass nördlich des 50. Breitengrades -also ungefähr auf der Höhe von Koblenz - die Grenze verläuft, oberhalb der Wein nicht mehr gedeiht. Da Saale und Ahr anerkannt gute Weine hervorbringen, wurde nachgebessert und der 52. Breitengrad (bei Münster) als Grenze festgelegt. Auch die soll jetzt fallen.
Jeder, der offiziell Wein anbauen will, braucht bis heute ein Anbaurecht. Diese Kontingente sind nach dem deutschen Weingesetz von 1971 eng beschränkt.
Damit im Norden überhaupt neue Reben angepflanzt werden dürften, trafen Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz ein offizielles Abkommen, nachdem die Pfälzer den Nordlichtern zehn Hektar ihrer Anbaurechte abtraten. Ein Projekt, das das Landwirtschaftsministerium unterstützt, um neue Chancen und Möglichkeiten auszuloten, die sich durch die Klimaerwärmung ergeben.
Sylt liegt auf dem 55. Breitengrad. "Wir haben hier oben überdurchschnittlich viele Sonnenstunden, nur ist das Klima insgesamt kühler. Mit 8,3 Grad Celsius liegt die Durchschnittstemperatur auf Sylt um 1,5 Grad niedriger als etwa im Rheingau", erklärt Schachner. Das bedeutet einen Vegetationsrückstand von zwei Wochen. Riesling oder Chardonnay hätten in diesen Breiten keine Chance. Winzer Ress setzt auf Sylt daher auf die besonders schnell reifende und robuste Solaris-Rebe. Die Mitarbeiter, die beim Pflanzen und Pflegen helfen, kommen aus dem Rheingau.
Dorthin, zum Familienweingut Balthasar Ress, werden die Trauben nach der Ernte gebracht und gekeltert. Ob der Wein auf Sylt tatsächlich gedeiht und ob er auch noch schmeckt, bleibt abzuwarten. Das önologische Gutachten, das vor dem Projektstart erstellt wurde, ist verhalten optimistisch: Von Problemen und Risiken, aber auch Möglichkeiten ist in der 50-seitigen Studie die Rede.
Während die Winzer im Süden Deutschlands zunehmend damit zu kämpfen haben, dass ihre Trauben wegen der hohen UV-Strahlung Sonnenbrand bekommen und die Früchte austrocknen, schauen die Sylter Weinpioniere optimistisch nach Südengland. Seit den 80er Jahren wird dort Qualitätswein angebaut. Einer der nördlichsten Weinberge der Welt liegt auf der schwedischen Ostseeinsel Gotland.
Solaris gilt als eine eher charakterarme Neuzüchtung. Ein Jahrhunderttropfen ist auch unter besten Wetterbedingungen nicht zu erwarten. Sorgen macht sich Schachner deshalb nicht. Der Österreicher ist ein gewitzter Verkäufer, er kennt seine Kunden: "Die Leute sind versessen auf alles, wo Sylt drauf steht", sagt er. In seiner Vinothek in Westerland stehen Weinflaschen mit schmucken Etiketten, die eine Dünenlandschaft zeigen. Österreichischer Veltliner wird da mal eben zu "Sylter Jausenwein" und der badische Grauburgunder zum "Sylter Landwein".
Noch bevor der Solaris abgefüllt wird, haben die Besitzer des Weinbergs schon erstes Geld verdient: Für 267 bis 499 Euro kann man Pate eines Rebstocks werden. An jedem dritten Weinstock hängt jetzt ein kleines Plastikschild, in das der Name des Paten graviert ist. "Ein schönes Geschenk für Leute, die Wein mögen, aber sonst schon alles haben", sagt Schachner.
Das Marketingkonzept für den Solaris ist schon fertig. "55 Grad Nord" wird der Landwein mit dem schwarz-goldenen Etikett heißen, 29,90 Euro soll die Flasche kosten. Doch welche Qualität die Trauben erreichen, ist noch offen. "Einen Wein in Spätlese-Qualität streben wir an", sagt Schachner. "Aber wer weiß, wenn das mit der Erderwärmung so rasant weiter geht, vielleicht produzieren wir ja schon in ein paar Jahren eine Trockenbeerenauslese."
Jopp Becker hat nicht viel für Wein übrig. Er bleibt beim Bier. Jever Pils, friesisch herb. "Sollen sich die andern die Erderwärmung schön trinken", sagt er.