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24.07.2009Aachener Zeitung, "Auf Sylt gedeiht der nördlichste Wein" |
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Sylt.
Jopp Becker hat schon viele kommen und gehen sehen. "Auf Sylt gibt es jedes Jahr einen neuen Trend", sagt der 71-Jährige und pfeift seinen Hund zurück, der in den Dünen ein Kaninchen erspäht hat. In Gummistiefeln steht der Mann vor der alten Keitumer Kirche und schaut auf die Koppel von Bauer Boysen. Seit kurzem stecken dort, im frisch geeggten sandigen Boden, 1600 mit grünem Wachs überzogene Stöckchen. 1600 Weinstöcke.
Während der salzige Wind in Stärke sechs von Westen her über das platte Land weht und über dem Wattenmeer die Möwen kreisen, ist es schwer vorstellbar, dass im Herbst 2012 aus den Sylter Trauben der erste Wein gekeltert werden soll. Jopp Becker, der seit 55 Jahren auf Sylt lebt, tippt sich an die Schirmmütze. "Das ist bekloppt", sagt er.
Neue Chancen
"Das ist Innovation", meint Martin Schachner (39). Der Sylter Weinhändler wird zusammen mit dem Rheingauer Winzer Christian Ress (35) den nördlichsten Wein Deutschlands vermarkten. "Der Klimawandel macht's möglich", sagt er und lächelt. Früher galt als Faustregel, dass nördlich des 50. Breitengrades - also ungefähr auf der Höhe von Koblenz - die Grenze verläuft, oberhalb der Wein nicht mehr gedeiht. Da Saale und Ahr anerkannt gute Tropfen hervorbringen, wurde bald nachgebessert und der 52. Breitengrad (bei Münster) als Grenze festgelegt. Auch die soll jetzt fallen. Doch jeder, der offiziell Wein anbauen will, braucht bis heute ein Anbaurecht. Diese Kontingente sind nach dem deutschen Weingesetz von 1971 eng beschränkt. Damit im Norden überhaupt neue Reben angepflanzt werden durften, trafen Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz ein offizielles Abkommen, nachdem die Pfälzer den Nordlichtern zehn Hektar ihrer Anbaurechte abtraten.
Ein Projekt, das das Landwirtschaftsministerium unterstützt, um neue Möglichkeiten auszuloten, die sich durch die Klimaerwärmung ergeben.
Sylt liegt auf dem 55. Breitengrad. "Wir haben hier oben überdurchschnittlich viele Sonnenstunden, nur ist das Klima insgesamt kühler. Mit 8,3 Grad Celsius liegt die Durchschnittstemperatur auf Sylt um 1,5 Grad niedriger als etwa im Rheingau", erklärt Schachner. Das bedeutet einen Vegetationsrückstand von rund zwei Wochen. Riesling oder Chardonnay hätten in diesen Breiten keine Chance. Winzer Ress setzt auf Sylt daher auf die besonders schnell reifende und robuste Rebart Solaris.
Die Mitarbeiter, die beim Pflanzen und Pflegen helfen, lässt er aus dem Rheingau anreisen. Dorthin, zum Familienweingut Balthasar Ress, werden die Trauben nach der Ernte gebracht und gekeltert. . Ob der Tropfen hier oben tatsächlich gedeiht und ob er dann auch noch schmeckt, das bleibt abzuwarten. Das önologische Gutachten, das vor dem Start des Projektes erstellt wurde, ist zurückhaltend optimistisch. Während die Winzer im Süden Deutschlands zunehmend damit zu kämpfen haben, dass ihre Trauben wegen der hohen UV-Strahlung Sonnenbrand bekommen und die Früchte austrocknen, schauen die Sylter Wein-Pioniere optimistisch nach Süd-England. Seit den 1980ern wird dort Qualitätswein angebaut. Solaris gilt als eine eher charakterarme Neuzüchtung. Ein Jahrhunderttropfen ist da auch unter besten Wetterbedingungen nicht zu erwarten. Doch darüber macht sich Schachner keine Sorgen. Der Österreicher ist ein gewitzter Verkäufer, er kennt seine Kunden: "Die Leute sind versessen auf alles, wo Sylt drauf steht", sagt er. Das lassen sich die Insel-Fans gerne ein paar Euro zusätzlich kosten.Noch bevor Solaris in drei bis vier Jahren tatsächlich abgefüllt wird, haben die Besitzer des Weinbergs schon Geld verdient: Für 267 bis 499 Euro kann man Pate eines Rebstocks werden. An jedem dritten Weinstock hängt jetzt ein kleines Plastikschild, in das der Name des Paten graviert ist.
Ideal als Geschenk
"Ein schönes Geschenk für Leute, die Wein mögen, aber sonst schon alles haben", sagt Schachner. Das Marketingkonzept für den Solaris ist schon fertig. "55 Grad Nord" soll der Landwein heißen, 29,90 Euro die Flasche kosten. Das schwarz-goldene Label gibt es schon, Werbefotos auch.
Nur welche Qualität die Trauben erreichen, ist noch offen. "Wie viel Öchsle der Wein hat, wissen wir erst bei der Ernte", sagt Schachner.